Anhalten oder, mit anderen Worten, innehalten und zur Ruhe kommen, sind in einer von Tempo und Rastlosigkeit geprägten Welt nicht unbedingt salonfähig. Doch was bringt es, ständig getrieben zu sein und das Gefühl zu haben, bloß noch zu funktionieren? Anhalten ist der Schlüssel, um die Zügel unseres Lebens wieder selbst in die Hand zu nehmen!
Du kennst Sprichwörter, wie: „Wer rastet, der rostet.” Oder: „Wer bremst, verliert.”
Im Buddhismus gibt es zwei grundlegende Säulen:
- Das Anhalten und Zurruhekommen
- Das tiefe Schauen
Das tiefe Schauen, was so viel heißt wie analytische Einsicht, betonen wir dabei oft über. Bloßes Anhalten und Zurruhekommen hingegen vernachlässigen wir. Was du verstehen solltest:
Ohne das vorherige Anhalten, Zurruhekommen und Stillwerden können wir das, was wir erkannt haben, nicht verändern! Wir kommen nicht in die Anwendung.
Bloßes Wissen über das, was uns überfordert oder stresst, was uns ärgert oder andere unangenehme Gefühle auslöst, ist deshalb wie eine Arznei, die im Schrank stehen bleibt; sie wirkt nicht, solange wir sie nicht anwenden.
Eine Veränderung hin zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden beginnt also nicht im Denken, sondern im Innehalten. Es geht darum, die innere Rastlosigkeit zu beenden, um den Raum für wahre Veränderung zu öffnen.
Wie tief wir oft in einem Zustand der Getriebenheit gefangen sind, zeigt ein zeitloses Gleichnis aus dem Zen-Buddhismus.
Die Geschichte vom galoppierenden Reiter
Ein Mann jagt auf einem Pferd im gestreckten Galopp dahin. Er wirkt gehetzt. Fast so, als hänge sein Leben von der Geschwindigkeit ab. Ein Passant am Wegesrand ruft ihm zu: „Wohin des Weges?“ Der Reiter dreht sich kurz um und ruft verzweifelt zurück: „Keine Ahnung! Frag das Pferd!“
Diese Geschichte ist die Geschichte von vielen Menschen. Der Reiter ist unser bewusstes Ich, das glaubt, die Zügel in der Hand zu halten. Das Pferd ist unsere Gewohnheitsenergie. Eine Kraft, die uns nicht bewusst ist, uns aber immer weiter vorwärts treibt. Oft gegen unseren erklärten Willen und unseren Verstand.
Diese Energie dominiert uns so sehr, dass wir gar nicht mehr der Herr im eigenen Haus sind. Wir rennen dann nur noch durchs Leben, ohne wirklich zu sein. Frei fühlt sich das nicht an.
Unachtsamkeit im Alltag
Das galoppierende Pferd zeigt sich oft in unserem Alltag und repräsentiert unsere Gewohnheiten. Dabei geht es nicht um große Lebensentscheidungen, sondern um das alltägliche Verhalten und Tun. Vielleicht kennst du auch die folgenden Situationen?
- Du tust Dinge nur flüchtig, indem du zum Beispiel den Fernseher an und sofort wieder ausschaltest.
- Du greifst nach einem Buch, legst es ungelesen weg und suchst nach der nächsten Zerstreuung.
- Du trinkst eine Tasse Tee oder Kaffee, ohne ihn zu schmecken.
- Du sitzt neben einem geliebten Menschen, nimmst ihn aber nicht wahr.
- Du bist physisch anwesend, doch dein Verstand wandert abwesend durch die Vergangenheit oder die Zukunft.
Anstatt gegen dieses Pferd – also gegen dich selbst – zu kämpfen, lehrt uns die Achtsamkeit etwas Anderes: das freundliche Erkennen und Begrüßen unserer Gewohnheitsmuster.
Wenn du also bemerkst, dass du wieder einmal unruhig und getrieben bist, lächle deiner Unruhe zu. Du kannst dann sagen:
„Sei gegrüßt, du mir zur Gewohnheit gewordene Energie! Ich weiß, dass du da bist!“
In diesem Moment gewinnt der Reiter, gewinnst du die Kontrolle zurück. Du bist nicht mehr länger das blinde Opfer des Galopps, sondern bist auf dem besten Weg, etwas zu verändern. Anders mit deiner inneren Unruhe umzugehen.
In meinem Intensiv-Meditationskurs lernst du, deine Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen und insgesamt gelassener zu werden. Regelmäßiges Meditieren stärkt deine Resilienz, fördert dein Selbstmitgefühl und das Mitgefühl für Andere. Außerdem lässt du dich dauerhaft nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen, ablenken und steigerst deine Aufmerksamkeitund Konzentration.
Zur Ruhe kommen in fünf Schritten
Um ein starkes Gefühl, wie etwa Ärger oder Wut, oder eine tief sitzende Unruhe zu transformieren, hat Buddha einen Pfad beschrieben, der aus fünf Schritten besteht:
- Erkennen: Benenne das Gefühl klar beim Namen! Zum Beispiel: „Ich weiß, dass Ärger in mir ist.“
- Annehmen: Kämpfe nicht gegen das Gefühl an. Akzeptiere den Ist-Zustand ohne Widerstand.
- Umarmen: Halte dein Gefühl mit Achtsamkeit; so wie eine Mutter ihr weinendes Kind in den Armen hält. Schon das liebevolle Umarmen des Ärgers lässt den Gefühlssturm zur Ruhe kommen.
- Tief schauen: Wenn die erste Aufregung abgeklungen ist, kannst du diese Stille nutzen, um in die Tiefe deines Selbst zu blicken und die Ursachen für den Ärger zu ergründen.
- Verstehen: Suche nach den Bedingungen und Ursachen des Ärgers. Vielleicht hat dich eine Aussage getriggert oder ein Satz eines Freundes ist seiner eigenen Not entsprungen?
Erst, wenn du die Ursachen verstehst, schwindet die Macht der unbewussten Gewohnheiten und du gewinnst deine Handlungsfähigkeit zurück.
Das Gleichnis vom Kieselstein
Um die Qualität des Innehaltens und Zurruhekommens zu verinnerlichen, hilft das Bild des Kieselsteins. Stell dir vor, jemand wirft einen Kieselstein hoch in die Luft. Der Stein fällt ins Wasser und sinkt ganz langsam zum Boden. Er tut nichts dafür. Er fällt einfach. Ohne die geringste Anstrengung erreicht er das Flussbett und bleibt dort ruhig liegen.
Dieses Liegenbleiben bedeutet, in der Ruhe zu bleiben. So wie ein Tier im Wald, das verletzt ist. Es sucht sich einen Platz, an dem es einfach nur ruht. Es frisst nicht und jagt nicht. Weil es instinktiv spürt, dass Heilung nur in vollkommener Ruhe möglich ist.
Wie ist das bei dir: Kannst du wirklich ruhen? In der Ruhe sein?
Viele können gar nicht mehr richtig ruhen. Selbst dann, wenn sie im Urlaub sind, wälzen sie ihre Sorgen und kehren oft unausgeruhter zurück als sie aufgebrochen sind.
Anhalten und Zurruhekommen ist deshalb der Schlüssel, um die Zügel unseres Lebens wieder selbst in die Hand zu nehmen. Das ist laut Thich Nhat Hanh die Essenz der Meditation:
Unserem Körper und Geist erlauben, sich auszuruhen. Mühelos und leicht. Ohne Kraft und Anstrengung. Ohne etwas leisten zu müssen. Letzten Endes bedeutet das Freiheit.
