Stell dir eine Organisation als ein Schiff in stürmischer See vor, so bedeutet achtsame Führung nicht das Glätten der Wellen, sondern die Kalibrierung des inneren Kompasses. Während das Schiff unter einem gestressten, überforderten und im „Auto-Pilot“ agierenden Kapitän zu sinken droht, bleibt ein achtsam gesteuertes Schiff flexibel und stabil. Diese Artikelserie ist das Konzentrat meiner Gedanken zu achtsamer Führung, die ich für eine zentrale Managementkompetenz halte – heute und in Zukunft.
In einer volatilen – und damit zunehmend unsicheren – Arbeitswelt, in der sich technologische Entwicklungen in immer schnelleren Zyklen vollziehen, bleibt kein Stein auf dem anderen. Alte Gewissheiten zählen nicht mehr und brechen weg. Dieses Tempo, mit dem Führungskräfte konfrontiert sind, wird flankiert durch eine immer größere Komplexität, wodurch „die Welt” ständig neu gelernt und Zusammenhänge neu verstanden werden müssen. Es tauchen permanent Dinge auf, mit denen man nicht gerechnet hat. Das macht unsicher. Manchmal auch Angst.
In diesem von Ambiguität gekennzeichneten Umfeld sind Führungskräfte zudem gefordert, ihren Mitarbeiter*innen ein Vorbild an Orientierung, Stabilität und psychologischer Sicherheit zu sein. Es besteht das Risiko, sich aufzureiben zwischen den Anforderungen, sich als Führungskraft selbst sowie den Erwartungen der Mitarbeiter*innen gerecht zu werden.
Viele Führungskräfte sind deshalb schon heute überfordert und fühlen sich, als müssten sie ständig mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten – ohne Netz und doppelten Boden. Das wiederum erhöht den Druck in Bezug auf die eigene Führungsrolle und schafft widersprüchlich wahrgenommene Erwartungen:
- „Ich soll empathisch sein, aber gleichzeitig klare Entscheidungen treffen.”
- „Ich soll Innovationen vorantreiben, aber gleichzeitig das operative Tagesgeschäft sichern.”
Führungskräfte sind diesen äußeren Umständen jedoch nicht komplett hilflos ausgeliefert. Der Satz des griechischen Philosophen Epiktet ist hier ein geeigneter Mutmacher:
„Was auch immer dir widerfährt, du hast immer die Wahl, wie du darauf reagierst.“
Wiedergewinnung der Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit
Achtsamkeit als Haltung unterstützt Führungskräfte, die Gefahr laufen, in der beschriebenen Gemengelage den Bezug zu und die Wahrnehmung von sich selbst zu verlieren. Sich nur noch als Getriebene zu fühlen – zerrieben im Hamsterrad aus fremden und eigenen Erwartungen. Selbstaufmerksamkeit ist die Fähigkeit, sich im Strudel dieser unterschiedlichen und oft auch nicht miteinander zu vereinbarenden Herausforderungen achtsam, das heißt, bewusst wahrzunehmen. Nicht von ungefähr spricht der Zukunftsforscher Tristan Horx von Achtsamkeit als „Wiedergewinnung der Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit”.
Ich beleuchte achtsame Führung als ein Konzept, das weit über bloße Entspannungstechniken hinausgeht. Ich halte es für eine zentrale Managementkompetenz – heute und in Zukunft. In den Artikeln räume ich mit gängigen Vorurteilen auf und erläutere, dass Achtsamkeit eine bewusste innere Haltung erfordert, die durch Selbstwahrnehmung und die Unterbrechung automatischer Reaktionsmuster geprägt ist. Ein wesentlicher Fokus liegt auf der gesunden Selbstbeziehung, bei der Selbstmitgefühl und die Akzeptanz eigener Grenzen die Basis für einen authentischen und wohlwollenden Umgang mit anderen schaffen.
Diese Fähigkeit haben Führungskräfte sukzessive vernachlässigt oder aufgegeben zu Gunsten einer einseitigen Fokussierung und Konzentration auf Äußerlichkeiten. Doch wer sich selbst aufmerksam wahrnimmt, hat die Chance, aus dem Auto-Pilot des Denkens und Handelns auszusteigen. Wer wieder ein Gefühl für sich selbst bekommt, für seine eigene Verletzlichkeit, ist authentisch und handelt entsprechend seinen Bedürfnissen, Werten und Überzeugungen, ohne sich zu verbiegen.
Achtsame Führung wirkt auf allen Ebenen einer Organisation
Alle Ebenen einer Organisation können von achtsamer Führung profitieren: Für Führungskräfte eröffnet sie einen Weg, Stress besser zu regulieren, eigene Handlungsspielräume zu erweitern und resilienter zu agieren – selbst in anspruchsvollen Situationen wie notwendigen Trennungsgesprächen oder anderen strategischen Entscheidungen. Für Mitarbeiter*innen schafft sie ein Arbeitsumfeld, in dem echtes Zuhören, Wertschätzung und Klarheit gelebt werden, was Vertrauen, Motivation und psychologische Sicherheit fördert. Für die Organisation selbst wiederum trägt eine achtsame Führung dazu bei, kreative, motivierte, verantwortungsbewusste und zufriedene Teams zu entwickeln, die Herausforderungen gemeinschaftlich meistern und letztlich zu positiven wirtschaftlichen Ergebnissen beitragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Selbstbewusstheit als Basis achtsamer Führung
Achtsamkeit lädt dazu ein, den Blick nach innen – auf sich selbst – zu richten. Nicht, um sich von der Außenwelt abzuwenden, sondern um ihr bewusster zu begegnen. Bewusstheit ist die Fähigkeit, Situationen, Menschen und sich selbst mit klarem Verstand wahrzunehmen – und das ohne eine vorschnelle Bewertung beziehungsweise Beurteilung. Selbstbewusstheit ist die Fähigkeit, sich selbst offen und mutig zuzuwenden und sich aufmerksam wahrzunehmen.
2. Die Kraft der wohlwollenden Haltung
Anstatt Mitarbeiter*innen lediglich als „Werkzeuge” zur Erreichung von Kennzahlen zu betrachten, rückt Wohlwollen die menschliche Komponente und die individuelle Wertschätzung in den Vordergrund. Wohlwollen bedeutet aber weder einen Mangel an Durchsetzungsvermögen, noch eine Negierung von Leistung. Es ist vielmehr eine Form der emotionalen Intelligenz. Durch entsprechendes Verhalten und Handeln, wie etwa achtsame Kommunikation, konstruktives Feedback und echtes Interesse an den Bedürfnissen des Teams werden Vertrauen sowie die langfristige Motivation gestärkt.
3. Das 1×1 einer gesunden Selbstbeziehung
In diesem Artikel zeige ich, warum es für Führungskräfte essenziell ist, reflektiert mit ihren eigenen mentalen und emotionalen Bedürfnissen umzugehen. Ein zentraler Aspekt dabei ist Selbstmitgefühl, das als Ressource für innere Stabilität und den konstruktiven Umgang mit Fehlern dient. Durch diese Form der Selbstführung vermeiden Führungskräfte eine unbewusste Übertragung von übermäßigem Leistungsdruck auf ihre Teams.
4. Würde bewahren im Trennungsgespräch
Dieses Interview mit Peter Höfl, Experte für werteorientiertes Management, zeigt, wie Führungskräfte Trennungsgespräche wertschätzend und achtsam gestalten können. Denn: Eine Kündigung beeinflusst auch immer soziale Beziehungsgeflechte innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Ein zentraler Aspekt dabei ist die Wahrung der menschlichen Würde, indem Vorgesetzte ihrem Gegenüber mit Respekt begegnen und professionell auf emotionale Reaktionen eingehen.
5. 9 häufige Missverständnisse zu achtsamer Führung
Last but not least räume ich mit gängigen Vorurteilen und Missverständnissen auf, die mit dem Konzept der achtsamen Führung oft verbunden werden. Entgegen der Annahme, es handele sich lediglich um ein rein individuelles Wohlfühl-Tool oder ein Hindernis für Leistung, stelle ich Achtsamkeit als essenzielle Management-Kompetenz vor. Anhand von drei aktuellen Studien zeige ich die positiven Effekte achtsamer Führung – sowohl im individuellen Verhalten der Führungskraft als auch in den Ergebnissen von Teams beziehungsweise Unternehmen.
