Schaf oder Löwe: Wer bist du wirklich? Unwahre Gedanken über sich selbst

Wer bist du? Sicher fallen dir jetzt spontan mehrere Dinge dazu ein. In diesem Artikel zeige ich dir, dass das meiste von dem, was wir über uns selbst denken und glauben, nicht unbedingt stimmen muss. Und warum das so ist.

Es gibt eine wunderbare Parabel aus der östlichen Welt, die uns die Macht unserer Gedanken vor Augen hält. Es ist eine ungeheure Macht, die jede(n) von uns durchs Leben begleitet und uns oft Kummer und Schmerz bereitet. Warum ist das so? Lies zuerst die Geschichte:

Eine trächtige Löwin sprang von Hügel zu Hügel. Zwischen den Hügeln graste eine große Herde Schafe, als die Löwin ein Junges gebar.

Das Löwenjunge fiel mitten in die Schafherde und wurde von den Schafen aufgezogen. Von Anfang an hielt es sich deshalb für ein Schaf. Das war etwas seltsam, denn es war so groß, so anders – aber vielleicht war das ja nur eine Laune der Natur? Der junge Löwe akzeptierte, dass er anders war als die anderen Schafe. So wurde auch er selbstverständlich Vegetarier und mähte anstatt zu brüllen.

Als der junge Löwe weiter heranwuchs, kam eines Tages ein alter Löwe auf der Suche nach Nahrung in die Nähe der Schafherde. Er traute seinen Augen nicht. Mitten unter den Schafen stand dieser junge Löwe in seiner ganzen Pracht, aber die Schafe hatten gar keine Angst.

Der alte Löwe vergaß seine Mahlzeit und begann hinter der Schafherde herzulaufen. Er wunderte sich immer mehr, denn der junge Löwe rannte mit den Schafen davon. Schließlich gelang es dem alten Löwen, den jungen zu packen. Der weinte und schluchzte und bat den alten, ihn doch zurück zu seiner Herde zu bringen.

Der alte Löwe jedoch zerrte ihn zu einem nahe gelegenen See, der ganz still und ruhig da lag. Wie ein glatter Spiegel. Der Löwe befahl dem jungen, sein Spiegelbild im See anzusehen, und auch das des alten Löwen.

Da passierte es plötzlich: In dem Augenblick, in dem der junge Löwe erkannte, wer er war, begann er kräftig zu brüllen. Das ganze Tal hallte von diesem Gebrüll wider. Noch nie zuvor hatte er gebrüllt, denn er hatte es nie für möglich gehalten, etwas Anderes zu sein als ein Schaf.

Der alte Löwe sagte: „Meine Arbeit ist getan. Jetzt liegt es an dir. Willst du zurück zu deiner Herde?” Der junge Löwe lachte und meinte: „Verzeih mir! Ich hatte ganz vergessen, wer ich bin. Ich bin dir unendlich dankbar, dass du mir geholfen hast, mich daran zu erinnern.”

Warum unser Denken über uns selbst oft nicht stimmt

Wer bist du? Auf diese Frage antworten viele relativ schnell und einfach. Sie sagen dann zum Beispiel: „Ich bin Lehrer.” Oder: „Ich bin evangelisch.” Oder: „Ich bin Deutscher.” Oder: „Ich bin Bergsteiger.” Fällt dir an diesen Antworten etwas auf? Es sind alles Antworten, die nicht nur du über dich geben kannst. Auch alle anderen, die dich kennen, können diese Frage genauso beantworten. Es sind Zuschreibungen im Außen.

Mit diesen Zuschreibungen identifizierst du dich. Du glaubst, dass du all diese Zuschreibungen bist. Der Management-Coach Dieter Lange, den ich persönlich sehr schätze, hat es einmal so gesagt: „Du kannst nicht Deutscher sein. Du hast nur einen deutschen Pass.” Was du hast, kannst du aber nicht sein! Und weiter: „Du bist kein Katholik. Man hat dich dazu gemacht, ohne dich danach zu fragen und dich dann getauft. Ab diesem Zeitpunkt stand ‘Katholisch’ nur auf deinem Taufschein.

Was sagen uns diese Beispiele? Es sind allesamt Etiketten, die dir irgendwann einmal verpasst wurden – und von denen du heute glaubst, du seist diese Etiketten. Wirst du deshalb zum Italiener, nur weil du in dieses wunderbare Land auswanderst? Wohl nicht. Du bekommst lediglich einen italienischen Pass. Einleuchtend, oder?

Auch der Löwe in der Parabel hat sich komplett mit seinem (angeblichen) Sein identifiziert. Er war nämlich der festen Überzeugung, ein Schaf zu sein. Das wurde ihm auch stets durch die anderen Schafe, also im Außen, gespiegelt. Man könnte auch sagen: Obwohl der Löwe ein Löwe war, spielte er die Rolle eines Schafs. Er wurde auf das Schafsein konditioniert. Mit der Folge, dass er sich genauso wie ein Schaf verhielt. Er aß Gras und mähte. Sein wahres Ich konnte so nie zum Vorschein kommen. Der Glaube daran, ein Schaf zu sein, war einfach zu stark.

Der Unterschied zwischen etwas haben und etwas sein

So geht es uns im Prinzip allen, seit wir auf der Welt sind. Im Laufe der Zeit übernehmen wir unhinterfragt Einstellungen und Haltungen – über das Leben und über uns selbst. In Bezug auf uns selbst denken (glauben) wir dann, das zu sein. Verlieren wir zum Beispiel unseren Job, glauben wir, im nächsten Job wieder genau das Gleiche tun zu müssen, zum Beispiel Schreiben. Schließlich können wir das ja besonders gut. Wir verlieren damit aber aus dem Blick, dass wir vielleicht auch noch andere Dinge gut können. Dass uns diese Dinge auch auszeichnen, wir sie aber möglicherweise unbewusst ausgeblendet haben. Weil wir uns selbst – und auch unsere Freunde – uns immer wieder gespiegelt haben, dass diese Tätigkeit die (einzig) richtige für uns ist. Ob das tatsächlich stimmt, haben wir nie hinterfragt. Entsprechend identifizieren wir uns damit und verhalten uns dann so, dass es unserem Glauben über uns entspricht. Was wiederum für andere den Anschein hat, als seien wir das wirklich. Doch so ist es nicht.

Die Antwort auf die Frage, wer du bist, kannst du niemals im Außen finden! Alles im Außen ist letztlich nur die Oberfläche. Es sind Dinge und Umstände, die dir zugeschrieben werden, die du hast. Diesen Unterschied musst du verstehen! Etwas zu haben und etwas zu sein, ist ein extrem großer Unterschied. Du hast vielleicht 25.000 Follower auf Instagram, aber wer bist du dadurch? Du hast jeden Monat ein Einkommen von 10.000 Euro, aber wer bist du deshalb?

Die Antwort auf die Frage, wer du bist, kommt also von Innen. Sie muss ausschließlich von Innen kommen. Ob du zum Beispiel Lehrer bist, entscheidet nicht der Umstand, dass du dein Staatsexamen erfolgreich abgelegt hast. Wenn deine innere Grundhaltung zu diesem Beruf nicht stimmt, wenn du diesen Job im Grunde nur machst, weil du ein gesichertes Einkommen und später eine hohe Pension bekommst, dir aber der pädagogische Umgang mit Kindern oder Jugendlichen nicht wirklich liegt, bist du kein Lehrer. Daran ändert auch das verbriefte Staatsexamen nichts, das du in der Tasche hast. Wie willst du erfolgreich verkaufen, wenn du dich selbst nicht verkaufen kannst? Oder: Wenn du dir selbst nicht vertrauen kannst, kannst du auch anderen nicht vertrauen. Deinen Freunden oder deinem Partner. Dann musst du kontrollieren. Liebst du dich selbst nicht, kannst du auch andere nicht lieben. Es fängt also immer bei dir selbst an, nicht bei anderen, nicht im Außen.

Das Sein kommt immer von Innen

Dieter Lange beschreibt es in einem Vortrag so: „In der Natur wächst alles von innen nach außen. Nicht umgekehrt. Es muss im Innen geboren werden, damit es nach Außen fließen kann.” Wir sind es allerdings gewohnt, stets nach außen zu schauen. Im Grunde stellen wir uns regelmäßig die Frage:

Wer oder was bin ich durch…?

Die drei Punkte kannst du mit allerhand Wörtern ersetzen. Zum Beispiel Job, Geld, Freunde, Kleidung, Auto, Urlaub, Wohnung, Ausbildung etc. Alles Dinge im Außen, durch die wir glauben, das zu sein. Mit dieser Haltung jedoch vergessen wir uns selbst.

„Ein kluger Mensch sucht zuerst sein eigenes Sein, bevor er sich in der äußeren Welt auf die Reise begibt. Es erscheint doch einfach und logisch, dass man erst im eigenen Haus nachsieht, bevor man in der ganzen Welt herumsucht. Und diejenigen, die in sich selbst nachgeschaut haben, haben es gefunden, ohne Ausnahme.”

(Osho, „Liebe, Freiheit, Alleinsein”)

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du diese „Innenschau” praktizieren kannst? Eine wirksame Technik dafür ist die Meditation. In der Meditation genießt du einfach deine Gegenwärtigkeit. „Meditation ist die Freude, in seinem eigenen Sein zu ruhen. Ein völlig entspannter Bewusstseinszustand, in dem man nichts tut”, wie Osho es beschreibt. Während der Meditation bist du mit dir allein, und „dadurch wirst du zwangsläufig über dein Selbst stolpern und dich zum ersten Mal daran erinnern, wer du bist.”

Deine innere Grundhaltung ist es also, die darüber entscheidet, ob du etwas bist, oder ob du nur etwas hast. Glaubst du aber daran, etwas Bestimmtes zu sein, nur weil du etwas hast, verhältst du dich diesem Glauben entsprechend, spielst also eine bestimmte Rolle, oder auch mehrere. Damit verlierst du dich jedoch über kurz oder lang selbst aus den Augen. Der Löwe aus der Parabel hat fest daran geglaubt, ein Schaf zu sein. Entsprechend hat er sich wie ein Schaf verhalten. Bis er eines Tages sein wahres Ich erkannte.

Und wer bist du: Schaf oder Löwe?

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